Auch wenn der Wechsel von Siezen zum Duzen für Leader keine Rolle spielt, birgt das Du-Wort für beide Seiten mögliche Fallen. Nämlich dann, wenn man das Gefühl für Grenzen verliert und diese vielleicht unbewusst überschreitet. Wie kann ein Kontakt auf Augenhöhe funktionieren, ohne dass er einen negativen Einfluss auf die Zusammenarbeit hat – etwa auf Autorität, Respekt und den Unterschied an Verantwortung? Wie nahe sollen Leader an ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eigentlich dran sein?

Jeder von uns hat seine persönlichen Werte. Sie sind etwas Unumstößliches, das jedem gegenüber entweder gelebt wird oder nicht gelebt wird – vollkommen unabhängig von Geschlecht, Herkunft, psychischer Beeinträchtigung, sexueller Orientierung und physischer Gesundheit. Es ist also gut, sich bewusst vor Augen zu führen, dass man bei einer festen Grundhaltung keine Unterschiede machen kann, wem gegenüber man sie zeigt und wem gegenüber nicht. Tut man es doch, führt man damit seine Grundhaltung und die eigene Führungspersönlichkeit automatisch ad absurdum. Denn wer Menschen im Team unterschiedlich behandelt, wird sofort unberechenbar, unfair und intransparent.

Müssten wir die Statue eines Leaders entwerfen, wir kämen wohl alle zu einem ähnlichen Bild: ein mutiges, charismatisches Gesicht, der Blick unerschrocken zum Horizont, dynamisch voranschreitend, Siegermentalität. Kurz: Jemand, den man respektiert und auch gern folgt. Doch hinter dem von vielen bewunderten Charisma und der beeindruckenden Standfestigkeit steckt harte Arbeit. Genauer gesagt: Arbeit an sich selbst. Das entschlossene Auftreten vieler Führungspersönlichkeiten beruht auf der simplen Tatsache, dass sie sich ihrem Selbst zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben erfolgreich und allumfassend gestellt haben. Sie waren ehrlich zu sich selbst und werden darum von anderen als glaubwürdig wahrgenommen. Doch kaum etwas ist härter, schonungsloser und oft auch schmerzhafter als die Wahrheit.

„Das einzig konstante ist die Veränderung.“ Dieses berühmte Zitat des griechischen Philosophen Heraklit hat auch zweieinhalbtausend Jahre später nichts an Gültigkeit verloren. Auch wenn niemand mit Sicherheit voraussagen kann, wie etwa Märkte, Wettbewerb und Technologien sich in Zukunft ändern werden, gewiss ist, dass sie sich verändern werden. Als Leader ist man daher gefordert, geistig in Bewegung zu bleiben.

Das österreichische Sprichwort „Durchs Reden kommen ’d Leut z’am“ bringt das Thema Kommunikation auf den Punkt: Reden schafft ein Miteinander. Und auch Führung von Menschen braucht gute Kommunikation – gibt es etwas Offensichtlicheres? Dass das aber nicht immer einfach ist, sehen wir auch in der aktuellen politischen Situation. Ankündigungen hier, Pressekonferenzen dort, divergierende Expertenmeinungen, etc. und das Ergebnis sind Verunsicherung und Unverständnis bei der Bevölkerung.

Wenn also schon die Politprofis ihre Schwierigkeiten damit haben, warum soll es dann bei Führungskräften anders sein? Wen wundert es, dass es sogar Führungskräfte gibt, die von Kommunikation so wenig halten, dass sie glauben, gänzlich ohne sie auszukommen. Natürlich wird geredet – sehr viel über Projekte, Positionen und Personen – aber Kommunikation umfasst weit mehr als das.

Die stillste Zeit im Jahr wird heuer stiller als sonst. Das steht außer Zweifel. Die Einladungen, die viele von uns sonst gegen Jahresende in Atem halten, fallen Corona-bedingt weg. Auch die Freunde, mit denen man sich zum alljährlichen Punsch verabredet, müssen weiter warten. Und sogar Familienfeiern und die oft üblichen Besuchstouren bei Verwandten sind nur eingeschränkt möglich. Warum also nicht die auferlegte Ruhe und die gewonnene Zeit zur Einkehr nutzen, um den eigenen Weg ein wenig zu hinterfragen? Denn Antworten oder Lösungen finden wir oft in uns selbst – auch für den Weg zur Führungspersönlichkeit.

Dass wir in einer Zeit leben, in der alles schneller, besser, exakter und erfolgreicher gehen muss, ist nichts Neues. Und selbst der Lockdown lässt uns nicht vergessen, wie schnell mittlerweile alles geworden ist. Ein Telefonat hier, eine Videokonferenz da, dazwischen noch schnell ein paar E-Mails beantworten. Ganz unterschwellig ist diese Schnelligkeit längst zum neuen Standard avanciert. Die Beschleunigung der Welt ist auch in der Führung von Menschen angekommen – nicht immer zum Vorteil der Beteiligten.

Ein Check hier, ein Tool dort – permanent gibt es neue Instrumente am Markt, mit denen die Führungsperformance einzelner Führungskräfte entwickelt und gestärkt werden soll. Dabei sollte es für Organisationen aber um mehr gehen als nur um die Entwicklung einzelner Individuen. Denn der Unternehmenserfolg wird weit mehr durch die Führungskultur als Ganzes beeinflusst. Es braucht eine Kultur, die es ermöglicht Außergewöhnliches zu erreichen. Und Führungskräfte, die gemeinsam und Schulter an Schulter an einem Strang ziehen und Spaß dabei haben, gemeinsam aus ihrer Komfortzone zu gehen. EinzelkämpferInnen haben wir ohnehin schon genug.

Wir vergessen oft das, was uns selbst Hollywood in jedem klassischen Aufstiegsmärchen à la »Karate Kid« oder »Rocky« zeigt, damit die Heldenreise einen möglichst großen Spannungsbogen hat: Man kann erst Gewinnerin bzw. Gewinner, Kämpferin bzw. Kämpfer, Wortführerin bzw. Wortführer, Anführerin bzw. Anführer sein, wenn man sich selbst entdeckt, verstanden und bezwungen hat. Wenn wir großes Glück haben, dann steht uns – wie auf der Leinwand – eine Meisterin bzw. ein Meister, eine Trainerin bzw. ein Trainer oder eine Mentorin oder ein Mentor zur Seite und hilft uns dabei, diesen wichtigen Schritt zu machen. In der Realität fern von Hollywood coachen wir uns meistens selbst. Doch das sollte niemanden entmutigen.

In 50 Tagen ist Neujahr. Für viele ist jetzt wieder die Zeit im Jahr gekommen, ein Resümee zu ziehen. Das große Zusammenzählen dessen, was heuer umgesetzt werden konnte und was nicht. Wir sind in vielen Belangen auf dieses Denken gedrillt. Wir denken in Quartalen, Jahresabschlüssen, Semestern oder Legislaturperioden. Längerfristig in die Zukunft zu denken, ist auf paradoxe Art und Weise noch immer irgendwie unsexy, weil man Erfolge lieber unmittelbar und persönlich einfährt. Wer weiß schon, ob man in ein paar Jahren noch in der gleichen Position ist wie jetzt oder ob gar jemand anderer die hart erarbeiteten Früchte des Erfolgs genießen wird?